In der realen Welt ist die Zeit die geheimnisvollste der uns bekannten Dimensionen. Gegen unseren Willen reißt sie uns unaufhörlich immer weiter mit sich, ohne uns jemals auch nur die Möglichkeit zu geben, anzuhalten, umzukehren, abzubremsen oder zu beschleunigen. In der Welt der Spiele versuchen wir, diese mangelnde Kontrolle durch die Schöpfung von Spielzeugwelten auszugleichen, die es uns gestatten, sozusagen gottgleich nach Belieben mit der Zeit zu hantieren.
Diskrete und kontinuierliche Zeit
Ebenso wie die räumliche Dimension in Spielen diskret oder kontinuierlich sein kann, gilt dies auch für die Spielzeit.
Die diskrete Zeitentwicklung in einem Spiel wird in der Einheit »Runde« gemessen. In rundenbasierten Spielen ist der Zeitfaktor normalerweise nicht von Bedeutung: Jede Runde repräsentiert selbst eine unmittelbare Zeiteinheit und die Zeiträume zwischen den einzelnen Runden werden im Spielkontext komplett ignoriert. Beim Scrabble werden zum Beispiel grundsätzlich nur die Züge gewertet – wie lange jeder Zug dauert, ist hingegen irrelevant, weil der Faktor Echtzeit für die Spielmechanik nicht von Belang ist.
Selbstverständlich gibt es aber auch jede Menge Spiele, die nicht rundenbasiert sind, sondern auf einer kontinuierlichen Zeitentwicklung aufbauen. Dies trifft beispielsweise auf die meisten Action- und Sportspiele zu. Und manche Spiele wiederum kombinieren die beiden Zeitsysteme. Ein Beispiel für diese Variante findet sich im Turnierschach, das zwar rundenbasiert gespielt wird, die Bedenkzeit der Spieler für die Ausführung ihrer Züge ist dabei jedoch insgesamt begrenzt.
Spielzeit: Zeitmessung und Wettrennen
In Spielen kommen die verschiedensten Arten der Zeitmessung zur Anwendung, um absolute zeitliche Begrenzungen für alle möglichen Dinge vorzugeben. Die »Sanduhr« beim Wortsuchspiel Boggle, die Stoppuhr beim American Football und auch die Anzeige für die Dauer des Mario-Sprungs in Donkey Kong stellen beispielsweise verschiedene »Uhr«-Mechanismen dar, die dazu dienen, das Gameplay durch die Festlegung bestimmter zeitlicher Abschnitte zu begrenzen.
Und ebenso wie es verschachtelte Spielräume gibt, kann auch die Spielzeit verschachtelt werden. So unterliegen Basketballspiele in der Regel nicht nur einer zeitlichen Begrenzung im Hinblick auf die Gesamtspiellänge, vielmehr kommt darüber hinaus auch eine »Wurfuhr« zum Einsatz, welche die sehr kurze, für die Ausführung eines Angriffs zulässige Zeitspanne herunterzählt – wodurch die Spieler animiert werden, höhere Risiken einzugehen und der Spielverlauf fortwährend spannend bleibt.
Andere Formen der Zeitmessung sind dagegen relativ – sie bilden die Grundlage für ein »Wettrennen«. Hierbei geht es nicht um ein festes Zeitlimit, sondern darum, schneller zu sein als der oder die Mitspieler. Häufig ist der Konkurrenzcharakter von vornherein klar erkennbar, etwa bei einem Autorennspiel, in anderen Fällen verhält es sich dagegen etwas subtiler, beispielsweise bei dem Spiel Space Invaders, dessen Ziel darin besteht, alle angreifenden UFOs zu vernichten, bevor sie den Boden berühren.
Natürlich gibt es viele Spiele, in denen die Spielzeit zwar keinen begrenzenden, aber dennoch durchaus einen bedeutsamen Faktor darstellt. Die Innings beim Baseball unterliegen zum Beispiel keiner zeitlichen Einschränkung, sollte das Spiel jedoch zu lange dauern, können beim Pitcher Ermüdungserscheinungen auftreten – und so macht die Zeit dann doch wieder einen wichtigen Aspekt des Spiels aus.
Kontrolle über die Zeit
Spiele geben uns die Möglichkeit, etwas zu tun, was in der realen Welt niemals möglich ist: Sie lassen uns die Zeit kontrollieren. Das kann auf vielerlei faszinierende Arten geschehen:
Manchmal halten wir sie komplett an, zum Beispiel wenn in einer sportlichen Begegnung eine »Auszeit« genommen oder in einem Videospiel der »Pause«-Button betätigt wird. Gelegentlich beschleunigen wir sie auch, was beispielsweise in dem Spiel Civilization von Nutzen ist, um die Spieljahre in wenigen Sekunden vorüberziehen zu lassen.
Am häufigsten aber drehen wir die Zeit zurück, nämlich immer dann, wenn unser Charakter in einem Videospiel stirbt und wir zu einem früheren Spielstand bzw. Speicherpunkt zurückkehren. Einige Spiele, wie etwa Braid, gehen sogar so weit und nutzen die Manipulation der Spielzeit als zentrale Spielmechanik.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch „Die Kunst des Game Designs“ von Jesse Schell. Alle Infos zum Buch, das Inhaltsverzeichnis und eine kostenlose Leseprobe findet ihr bei uns im Shop.