Das Buch „Die Kunst des Game Desigs“ soll Sie unter anderem dazu inspirieren, selbst einmal zu versuchen, eine Spielidee zu entwickeln und ein paar Spiele zu gestalten. Wenn Sie dies tun (oder vielleicht schon getan haben), werden Sie möglicherweise das Gefühl haben, dass Sie die Sache nicht richtig anpacken, weil Sie nicht die gleichen Methoden anwenden wie die »echten« Game Designer. Vermutlich würde Ihre methodische Vorgehensweise bei der Gestaltung Ihrer Spiele in etwa wie folgt aussehen:
1. Eine Idee finden
2. Sie ausprobieren
3. So lange ändern und testen, bis alles zufriedenstellend erscheint
Das klingt irgendwie amateurhaft. Aber, wissen Sie was? Es ist genau die methodische Abfolge, nach der »echte« Game Designer vorgehen. Und damit wäre dieses Kapitel im Grunde genommen auch schon abgehakt, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass manche Wege, diese Dinge zu bewerkstelligen, besser zum Ziel führen als andere. Sie wissen also bereits, was zu tun ist. Und jetzt erfahren Sie, wie Sie es bestmöglich tun.
Die Problemstellung definieren
Der Zweck eines Designs ist das Lösen von Problemen – und das Game Design bildet da keine Ausnahme. Bevor Sie sich auf Ideensuche begeben, müssen Sie sich zunächst vergegenwärtigen, warum Sie das überhaupt tun – und die Definition der Problemstellung ist ein Weg, um dies deutlich darzulegen. Gute Problemstellungsdefinitionen berücksichtigen sowohl Ihre Zielsetzung als auch die dafür geltenden Bedingungen. So könnte Ihre erste Problemstellung beispielsweise wie folgt lauten:
»Wie kann ich ein webbasiertes Spiel entwickeln, das Teenager total begeistern wird?«
Diese Aussage bringt sowohl Ihre Zielsetzung (etwas, das Teenager total begeistern wird) als auch die Bedingung (es muss ein webbasiertes Spiel sein) zum Ausdruck. Ein Vorteil einer dermaßen klaren Definition ist, dass Sie mit ihrer Hilfe erkennen können, ob Sie der eigentlichen Problemstellung womöglich zu viele Bedingungen auferlegen. Vielleicht haben Sie sich ja ursprünglich mal ein »webbasiertes Spiel« vorgestellt, obwohl es eigentlich gar keinen echten Grund dafür gibt, dass das, was Sie erschaffen wollen, überhaupt ein Spiel sein muss – möglicherweise wäre ja auch eine Art webbasierte Interaktion oder webbasiertes Spielzeug geeignet, solange es totale Begeisterung bei Teenagern auslöst. Also könnten Sie Ihre Problemstellungsdefinition genauso gut etwas weiter fassen:
»Wie kann ich ein webbasiertes Erlebnis kreieren, das Teenager total begeistern wird?«
Die korrekte Definition der Problemstellung ist enorm wichtig: Fassen Sie sie zu weit, kommen am Ende womöglich Designs heraus, die gar nicht Ihrer Zielsetzung entsprechen. Und fassen Sie sie zu eng (weil Sie sich auf Lösungen statt auf das Problem konzentrieren), könnten Sie sich selbst um gute Ansätze bringen, weil Sie davon ausgehen, dass eine bestimmte Lösungsvariante die einzig gangbare für Ihr Problem sei. Wer tatsächlich clevere Lösungen findet, hat sich zuvor normalerweise auch fast immer die Zeit genommen, die eigentliche Problemstellung klar zu identifizieren.
Die drei Vorteile einer eindeutigen Problemstellungsdefinition
1. Mehr kreativer Raum. Die meisten springen allzu schnell auf Lösungsansätze an und beginnen ihren kreativen Prozess dort. Setzen Sie mit Ihrem Prozess dagegen bei der Problemstellung statt bei einer potenziellen Lösung an, werden Sie mehr kreativen Raum erkunden können und Lösungsmöglichkeiten finden, wo sie niemand sonst suchen würde.
2. Klare Maßgabe. Es gibt eine klare Maßgabe für die Bewertung der Qualität von Ideenvorschlägen: Wie gut lösen sie das Problem?
3. Bessere Kommunikation. Die Kommunikation bei der Designentwicklung im Team wird durch eine eindeutige Definition der Problemstellung erheblich erleichtert – ansonsten werden die einzelnen Teammitglieder allzu oft versuchen, ziemlich verschiedenartige Problemstellungen zu lösen, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein.
Mitunter werden Sie erst mal ein paar Ideen durchspielen müssen, um erkennen zu können, worin die tatsächliche Problemstellung besteht. Und das ist auch in Ordnung! Aber gehen Sie in diesem Fall auch unbedingt wieder den einen Schritt zurück und legen Sie eine neue Problemstellungsdefinition fest.
Die vier Elemente der Tetrade
Ein fertiges Game Design umfasst alle vier Elemente der Tetrade: Technologie, Mechaniken, Story und Ästhetik. Oftmals sind durch die vorliegende Problemstellung bereits ein paar Entscheidungen in Bezug auf eins (oder auch mehrere) der vier Grundelemente vorgegeben, sodass Sie dann an diesem Punkt ansetzen müssen. Bei dem Versuch, Ihre Problemstellung zu definieren, kann es hilfreich sein, sie aus der Perspektive der Elemente-Tetrade dahin gehend zu prüfen, wo Sie freie Hand bei der Gestaltung haben und wo nicht. Sehen Sie sich einmal die folgenden vier Problemstellungen an: Welche davon geben für welche Teile der Tetrade bereits Entscheidungen vor?
1. Wie kann ich ein Brettspiel erstellen, das auf interessante Art und Weise die Eigenschaften eines Magneten nutzt?
2. Wie kann ich ein Videospiel erstellen, das die Geschichte von Hänsel und Gretel erzählt?
3. Wie kann ich ein Spiel erstellen, das man wie ein surrealistisches Gemälde empfindet?
4. Wie kann ich Tetris verbessern?
Was, wenn Sie wie durch ein Wunder keinerlei Einschränkungen unterlägen? Was, wenn Sie tatsächlich die Freiheit hätten, ein Spiel mit beliebigem Inhalt zu erstellen, irgendeinem Inhalt, und zwar unter Zuhilfenahme eines x-beliebigen Mediums Ihrer Wahl? In diesem Fall (der sehr unwahrscheinlich ist!) müssten Sie selbst ein paar Bedingungen festlegen.
Wählen Sie eine Story aus, die Sie erzählen möchten, oder eine Spielmechanik, die Sie ausprobieren möchten. In dem Moment, in dem Sie Ihre Wahl treffen, haben Sie eine Problemstellungsdefinition. Ihr Spiel als Lösung für ein Problem zu betrachten, ist eine hilfreiche Perspektive.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch „Die Kunst des Game Designs“ von Jesse Schell. Alle Infos zum Buch, das Inhaltsverzeichnis und eine kostenlose Leseprobe findet ihr bei uns im Shop.