Singularität – Wenn KI sich selbstständig macht

An dieser Stelle möchte ich erst zwei Begriffspaare einführen, die häufig in Diskussionen verwendet werden und helfen können, KI-Anwendungen in einen Kontext zu stellen. Das erste Paar unterscheidet starke KI von schwacher KI bzw. klassifiziert Systeme danach. Schwache KI bezeichnet Systeme oder Modelle, die für eine spezifische Aufgabe entworfen sind und keinerlei Fähigkeiten über diese spezifische Aufgabe hinaus besitzen. Sie eignen sich in der Regel sehr gut für ihre spezielle Aufgabe, sind aber nicht flexibel oder anpassbar für andere Aufgaben. Starke KI bezeichnet Anwendungen, die die kognitive Leistungsfähigkeit eines Menschen in nahezu allen geistigen Aktivitäten erreichen oder gar übertreffen. Das wäre also ein KI-System, das nicht nur Schach spielen, sondern auch Romane schreiben, komplexe wissenschaftliche Probleme lösen und menschliche Emotionen verstehen und nachempfinden kann. Natürlich existiert bislang keine solche Starke KI, sie ist eher ein Ziel oder eine Vision für die KI-Forschung. Schwache KI wird oft auch spezialisierte KI genannt, wegen der Ausrichtung auf spezifische Aufgabenbereiche. Im Umkehrschluss sind auch die Begriffe Starke KI und allgemeine KI eng verwandt.

Menschliche Intelligenz in ihrer gesamten Breite und Vielfalt nachbilden zu können, ist und bleibt eine Vision der Entwickler. UND ihr größter Albtraum. Die Vision einer starken und allgemeinen KI ist gleichzeitig ein Horrorszenario, das den Stoff vieler Science-FictionFilme und dystopischer Romane geliefert hat: Wenn die KI keine menschlichen Entwickler mehr braucht, um sich weiterzuentwickeln, und plötzlich selbstständig geworden ist! Diese Vorstellung hat die Menschen seit den Anfängen der KI berauscht und schockiert, deswegen hat sie schon früh einen Namen erhalten: Die Singularität!


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In Bezug auf künstliche Intelligenz wird sie oft auch technologische Singularität genannt. Sie bezeichnet einen hypothetischen Punkt in der Zukunft, an dem KI-Systeme die Fähigkeit erlangen, sich selbst zu verbessern und ohne menschliches Zutun immer neu zu entwerfen. Daraus entsteht ein sich selbst verstärkender Zyklus von KI-Verbesserungen, der eine so hohe Geschwindigkeit erreichen könnte, dass eine Superintelligenz entsteht, die weit über die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns hinausgeht. Diese starke und allgemeine KI ist also gleichzeitig Vision und Albtraum der Menschheit.

Klar ist: Technologische Entwicklungen, insbesondere diejenigen im Bereich der KI, können zu unvorhersehbaren und fundamentalen Veränderungen in der menschlichen Zivilisation führen. Der Begriff Singularität steht daher auch für die Unmöglichkeit, das Leben nach diesem Punkt vorherzusagen, ähnlich wie die Schwierigkeit, Ereignisse jenseits des Ereignishorizonts in einem Schwarzen Loch vorherzusagen.

Die Idee der technologischen Singularität wurde mit erstaunlicher Kontinuität von verschiedenen Denkern, Philosophen und Technikern über die Jahre immer wieder diskutiert und kommentiert. Vernor Vinge, Mathematiker und Science-Fiction-Autor, veröffentlichte im Jahr 1993 den Essay »The Coming Technological Singularity« und behauptete, dass wir innerhalb von 30 Jahren den Punkt erreichen würden, an dem technologische Entwicklungen so schnell voranschreiten, dass das menschliche Zeitalter endet. Heute, im damals prognostizierten Jahr 2023, sind wir von der Singularität aber noch sehr weit entfernt.

Andere Auguren wie Ray Kurzweil verorten die Singularität um das Jahr 2045 (nachzulesen in »The Singularity Is Near« von 2005). Trotz all dieser fragwürdigen Voraussagen gibt es unterschiedliche Meinungen zur tatsächlichen Eintrittswahrscheinlichkeit einer technologischen Singularität. Es ist wichtig zu betonen, dass die Idee der Singularität in der KI wirklich rein spekulativ ist. Während einige sie als unvermeidlich betrachten, glauben andere, dass sie unwahrscheinlich bis gar unmöglich ist. Auch ich würde sie infrage stellen und alle Horrorvisionen zurückweisen.

Dennoch kann man mögliche Folgen diskutieren, zumal sie Gegenstand intensiver Debatten und Spekulationen von wirklich klugen Leuten sind. Sinnvollerweise trennen wir positive von negativen Auswirkungen: Eine Superintelligenz könnte dazu beitragen, die größten Herausforderungen der Menschheit zu lösen, also Krankheiten, Energieknappheit und die Klimakrise, vielleicht sogar die Begrenzung der menschlichen Lebenszeit sprengen. Andere warnen vor potenziell katastrophalen Folgen: Eine unkontrollierbare Superintelligenz könnte Entscheidungen treffen, die gegen menschliche Interessen verstoßen und unbeabsichtigte negative Konsequenzen auslösen.

Bücher haben das Thema aufgegriffen, Filme haben es fiktional verarbeitet: Das Buch Superintelligenz Szenarien einer kommenden Revolution von Nick Bostrom untersucht mögliche Wege zur Schaffung einer nicht kontrollierbaren Superintelligenz und beschreibt sie als existenzielle Bedrohung für die gesamte Menschheit. In Ex Machina wird ein junger Programmierer damit beauftragt, die menschliche Ähnlichkeit einer fortschrittlichen Androidin zu bewerten. Der Film erkundet die Themen KI, Bewusstsein und Manipulation. Die Trilogie The Matrix malt eine Welt, in der Maschinen das Bewusstsein erlangen und die Kontrolle übernehmen, wobei Menschen in einer simulierten Realität gefangen sind. Der Film bringt unsere größte Angst vor künstlicher Intelligenz auf den Punkt: Sie ist überlegen, erlangt ein Bewusstsein und übernimmt schließlich die Kontrolle. Unwiderruflich!

Statt über weit entfernte und hypothetische Szenarien zu spekulieren, ist es auf jeden Fall sinnvoller, sich auf konkretere und unmittelbarere ethische, soziale und wirtschaftliche Fragen im Zusammenhang mit KI-Entwicklungen zu konzentrieren.


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Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch ChatGPT – Mit KI in ein neues Zeitalter von Barbara & Ulrich Engelke. Alle Infos zum Buch, das Inhaltsverzeichnis und eine kostenlose Leseprobe findet ihr bei uns im Shop.

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